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Orthorexie ©

– neue Modekrankheit oder ernsthafte Gesundheitsstörung? -

 

Orthorexie - Kennen Sie einen Orthorektiker?
 

Die Spezies mit Orthorexie ist im Vergleich zu den „allesfressenden Gourmands“ in der verschwindenden Minderheit, es finden sich aber immer wieder Patienten mit einer Orthorexie in der Inneren Abteilung der Habichtswaldklinik oder in meiner Praxis ein. Ich bin dann nicht sehr glücklich, da diese bedauernswerten Geschöpfe noch schwerer von der Fragwürdigkeit, ja sogar Schädlichkeit ihrer Ernährungsweise zu überzeugen sind wie übergewichtige Diabetiker mit Herzinfarkt, die gerne „ungesund“ essen, aber wenigstens ahnen, dass ihre Kost nicht ganz optimal ist. Die Orthorektiker sind aber völlig darauf fixiert, dass gerade ihre Ernährungsweise die einzig wahre und optimale für sie ist. Diese Patienten dann davon überzeugen zu müssen, dass sie nicht trotz, sondern wegen ihrer meist sehr einseitigen, nährstoffarmen oder konstitutionell für sie nicht passenden Ernährung krank sind und bleiben, ist mit das Schwierigste, was ich in der Medizin kenne.


Orthorexie - Richtige Ernährung ist wichtig, aber welche ist denn richtig?


Damit wir uns nicht falsch verstehen. Was wir essen, ist schon sehr bedeutsam für unsere Gesundheit. Ernährungswissenschaftler und offizielle Institutionen in Deutschland gehen übereinstimmend davon aus, dass mindestens 100 Milliarden € unserer Krankheitskosten auf das Konto falscher
Ernährung gehen. Unsere bundesdeutsche durchschnittliche Zivilisationskost ist – und da sind sich ausnahmsweise einmal alle einig - zu kalorienreich, zu fett, zu süß und zu salzig. Und das bei der Hausmannskost in gleichem Maße wie in den Krankenhausmahlzeiten. Bei einigen Nährstoffen (z.B. Selen, Folsäure und Vitamin D) ist unbestritten, dass die Mehrheit der Deutschen weit von den optimalen Zufuhrempfehlungen entfernt ist. Bei vielen anderen Nährstoffen weisen zumindest Teile der Bevölkerung oder einzelne Menschen gravierende Mangelzustände auf – es wird in der Regel nur nicht daraufhin untersucht (oder wenn, dann meist mit den falschen Untersuchungsmethoden).

F:\arbeit\temp\RUEFFER\Scheisse\affe.jpg Bei der Ernährung kann man Vieles falsch machen, wenn man nur nach seinen Vorlieben geht


Ich selbst erlebe oft, dass Menschen allein mit einer moderaten Umstellung ihrer
Ernährung ihr Statin (Fettsenker) weglassen können und trotzdem gute Cholesterinwerte aufweisen. Vielen Diabetikern konnte ich mit Ernährungstipps, gezielten Nahrungsergänzungen und adäquater Bewegung dabei helfen, ihre Medikamente zu reduzieren oder sogar ganz wegzulassen – und das bei verbesserter Blutzuckereinstellung. Wer einmal erlebt hat, wie Patienten mit entzündlichen Erkrankungen wie Morbus Crohn oder Rheuma mit einer gezielten Diät, die entzündungsfördernde Fettsäuren meidet und entzündungslindernde in großer Menge enthält, wesentlich bessere Blutwerte aufweisen und schubfrei werden, der wird am Wert richtiger diätetischer Maßnahmen nicht mehr zweifeln.


Orthorexie - Wo Wirkungen, da auch Nebenwirkungen


Ich wage zu behaupten, dass
Ernährung so potent wie ein Medikament wirken kann. Wir wissen aber auch, dass Medikamente mit Nebenwirkungen behaftet sein können. In der Medizin gilt die Faustregel, dass ein Medikament umso stärkere Nebenwirkungen haben kann, je stärker es auch wirkt. Wenn wir uns die Folgen falscher Ernährung in Deutschland anschauen, dann können wir dem nur zustimmen. Jeder zweite Deutsche stirbt an einer kardiovaskulären Erkrankung (Herzinfarkt, Schlaganfall), jeder dritte Deutsche erkrankt an Krebs (jeder Vierte stirbt daran) und mindestens 6 Millionen manifeste Diabetiker sprechen eine deutliche Sprache. Alle diese für den einzelnen fatalen und für das Gesundheitssystem äußerst kostspieligen Krankheiten sind nicht nur, aber zum großen Teil „Nebenwirkungen“ des nicht optimal eingesetzten „Medikamentes“ Ernährung.


Gesunde Ernährung, gesunder Mensch?
 

Aber wie schaut es denn nun mit den Menschen aus, die sich ganz bewusst einer gesunden Ernährung verschrieben haben, um Krankheiten zu behandeln oder diesen vorzubeugen? Hieran kann doch nichts falsch ein. Weit gefehlt.

Zunächst einmal ist sehr unklar, welche Kost denn nun für alle die gesündeste ist, die optimal alle möglichen Krankheiten zu verhüten hilft. Vielleicht brauchen einige Menschen auch eine Kost, die sich von der anderer Menschen unterscheidet, was den optimalen Gesundheitsschutz oder die Verträglichkeit angeht („Was der Schmied verträgt, zerreißt den Schneider.“). Auch unter Ernährungsberatern, Ärzten und anderen „Experten“ gibt es keineswegs einen Konsens darüber, welche Lebensmittel bei einigen Krankheiten sinnvoll sind und welche nicht (auch wenn es schon bestimmte Mehrheitsmeinungen gibt). Auch unterliegen solche mehrheitlich vertretenen Ansichten durchaus wissenschaftlichen Moden und können sich immer wieder ändern. Erschreckend wenige diätetische Empfehlungen sind mit einer evidenzbasierten wissenschaftlichen Datenlage wirklich eindeutig untermauert. Wilde Spekulationen und auf Plausibilität („es müsste eigentlich so sein, weil es doch so logisch ist“) anstelle von Evidenz (harter Beweis) beruhende Empfehlungen sind eher die Regel denn die Ausnahme.

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Die menschliche Ernährung ist im Laufe der Evolution nicht unbedingt besser geworden


Und so verwundert es nicht, dass gerade im Bereich der
Ernährung jeder im wahrsten Sinne des Wortes sein eigenes Süppchen kocht. Was der Ernährungsexperte X mit angeblich unerschütterlicher Beweislage empfiehlt, widerspricht dabei nicht selten um 100 % dem, was der Diätpapst Y nach erfolgreicher Heilung von Tausenden Kranken mit dem Brustton der Überzeugung rät. Viele Einzelne, die sich aus Angst vor Krankheit oder als bereits von dieser Betroffene auf die Suche nach „ihrer“ richtigen Ernährung begeben, werden dabei irgendwo fündig. Sei es, weil sie im Internet, in Büchern oder bei einem Experten die Kostform gefunden haben, die sie intellektuell überzeugt hat. Sei es, weil sie bei einer bestimmten Ernährungsumstellung empirisch (vorübergehende, zufällige?) Verbesserungen ihrer allgemeinen Befindlichkeit oder ihrer Krankheit am eigenen Leibe erlebt haben.

Und so verwundert es kaum, dass es Veganer (völlig frei von jeglichen tierischen Substanzen) gibt, die selbst bei Nachweis von Mangelzuständen nicht von ihrer Lebensweise abzubringen sind. Anhänger von Low Carb-Diäten (wenig Kohlenhydrate) weisen demgegenüber oft einen sehr hohen Anteil tierischer Produkte auf. Es gibt die Logi-Methode, die Instinktotherapie, die Blutgruppenkost, kosheres Essen, die Hollywood-, die Mittelmeer-, die asiatische, die Eskimo-Diät etc. etc., wobei sich die Anhänger der einzelnen (Glaubens)richtungen nicht selten bis auf die Blutwurst bekämpfen. Die Auseinandersetzungen weisen dabei oft einen Fanatismus auf, wie wir ihn sonst nur bei Anhängern extremer religiöser oder politischer Gruppierungen finden.

Daher ist es auch nur „natürlich“, dass sich Menschen, die aufgrund ihrer psychischen Struktur dazu neigen, sich rigiden Systemen zuzuwenden, von bestimmten Ernährungsformen angesprochen fühlen – je radikaler und intoleranter deren Empfehlungen dann sind, umso besser.


Was ist eigentlich Orthorexie?


Vor wenigen Jahren hat der amerikanische Arzt, Diätberater und Koch Steven Bratman erstmals seine eigenen Beobachtungen und Erfahrungen in einem Artikel (Original Essay on Orthorexia, Yoga Journal, Oktober 1997) publiziert und damit diese neue Krankheit erstmals beschrieben.

Der Begriff „Orthorexie“ geht dabei auf die griechischen Wörter orthós (der Richtige) und órexi (Appetit) und ist angelehnt an die Krankheit „Anorexie“, bei der die Betroffenen nichts oder zuwenig essen. Die Anorexie stellt eine quantitative, die Orthorexie eine qualitative Essstörung dar. Allgemein wird heute unter Orthorexia nervosa also eine Essstörung verstanden, bei der die Patienten ein ausgeprägtes Bestreben aufweisen, sich besonders „gesund“ zu ernähren. Damit sind selbstverständlich nicht Menschen gemeint, die aus gesundheitlichen Gründen weniger Fleisch, mehr Obst und Ballaststoffe essen oder eine ärztlich verordnete Diabetes-Diät oder ähnliches einhalten.

Es soll an dieser Stelle aber auch nicht verschwiegen werden, dass in der Medizin die Existenz einer eigenständigen Krankheit Orthorexie durchaus bestritten wird. Unbestritten ist aber, dass es Menschen gibt, die in Bezug auf ihre Ernährung auffällige, geradezu zwanghafte Züge aufweisen und einer Ernährungsphilosophie mit einer äußerst starken ideologischen Komponente anhängen. Die Übergänge zwischen „Lebensstil“ und „Krankheit“ sind dabei sicherlich fließend. Wenn aber ein Großteil der zur Verfügung stehenden Zeit und Energie dafür aufgewendet wird, sich „richtig“ zu ernähren, der gesamte Tagesablauf von der Suche nach den „richtigen“ Nahrungsmitteln oder Informationen hierüber bestimmt wird und die Fixierung soweit geht, dass es zu gravierenden Einschränkungen in den sozialen Kontakten gibt, dann kann schon von einer gravierenden Essstörung mit eigenem Krankheitswert ausgegangen werden.

Folgende Kriterien sollten an das Vorliegen einer Orthorexie denken lassen:

S  Die Essstörung dauert über einen längeren Zeitraum an (mind. 6 Monate).
S  Sie führt zu bedeutenden negativen Auswirkungen auf die Lebensqualität des Betroffenen, z.B.
    soziale Isolation.
S  Der Betroffene kreist mit seinen Gedanken praktisch ständig um das Essen.
S  Es kommt zu erheblichen Schuldgefühlen, falls vom Ernährungsplan einmal abgewichen wird.
S  Die Betroffenen haben ein Gefühl der Überlegenheit, das Richtige zu tun, und sind von einem
    Missionierungseifer erfüllt, um andere von ihrer
Ernährung zu überzeugen.
S  Bei sehr einseitigen Kostformen kann es zu Mangelzuständen bestimmter Nährstoffe kommen,
    die dann wiederum weitere Krankheiten zur Folge haben können (dieser letzte Punkt stammt von
    mir und stellt m. E. eine wichtige somatische Ergänzung der offiziellen, psycho-sozialen Kriterien
    dar).

Die Ursache der Orthorexie ist nicht die „falsche“ Ernährung, der der Orthorektiker anhängt, sondern eine Persönlichkeitsstörung mit oft zwanghaften und neurotischen Zügen. Die Orthorexie stellt dabei einen frustranen Selbstheilungsversuch dar, der den Patienten von der Beschäftigung mit tiefer liegenden und eigentlich bedeutsamen Konflikten ablenkt.

F:\arbeit\temp\RUEFFER\schuesselnudelkopf.jpg Essen soll auch Spaß machen, was allerdings nicht immer gelingt

Orthorexie - Vor die Therapie haben die Götter die Diagnostik gestellt

Leider gibt es kein optimales Messverfahren, welches eine Orthorexie sicher zu diagnostizieren vermag. Es wäre schön, wenn ein Laborwert existierte, der diese Störung sicher anzeigte oder aber ausschlösse. Das ist aber nicht der Fall und so sind wir auf die oben aufgeführten „weichen“ Kriterien angewiesen, um die Diagnose einigermaßen sicher zu stellen.

Ein wichtiger Knackpunkt ist für mich die Nährstoffanalytik. Finde ich hier bei bestimmten Vitaminen und Mineralstoffen einen gravierenden Mangel, so spricht dies ebenfalls für eine qualitative Minderwertigkeit der angeblich so gesunden Ernährung, jedenfalls wenn Aufnahmestörungen im Darm ausgeschlossen werden können (das heißt nicht, dass jeder mit einem Nährstoffmangel eine Orthorexie aufweist).

Noch wichtiger als die Laborwerte selbst sind aber die Reaktionen des Betroffenen darauf. Kein Mensch ist zwar begeistert, wenn ich ihm verkünde, dass sein Vitamin D-Spiegel im kaum messbaren Bereich liegt, seine Omega-3-Fettsäuren im Keller sind oder dass sein Magnesium-, Kalium- und Zinkhaushalt völlig daniederliegt. Die Betroffenen können aber diese Diagnosen und die daraus resultierenden therapeutischen Konsequenzen meist annehmen. Nicht so hingegen beim Orthorektiker, der stark abwehrend reagiert und auch jetzt noch keine Notwendigkeit sieht, seine Essstörung kritisch zu hinterfragen. Ganz nach dem Motto: „Es kann nicht sein, was nicht sein darf!“

Es ist auch nicht möglich, den Erkrankten mit rationalen Argumenten zu überzeugen, da die Störung sich nicht auf einer vernunftmäßig zu erfassenden Ebene abspielt. Dem Anorektiker kann man ja auch nicht mit Vergleichsfotos mit anderen Menschen oder mit früheren Aufnahmen oder mit dem Vergleich des Körpergewichtes mit Normwerten „beweisen“, dass er untergewichtig ist.

Wenn auch Laborwerte in der Diagnostik außer dem Mangelnachweis keine allzu große Bedeutung haben, so kann man mit bestimmten Diagnoseverfahren eine ganze Menge falsch machen. Ich beobachte immer wieder, dass gerade Orthorektiker Ärzte und Heilpraktiker finden, bei denen sie große „Unterstützung“ erfahren. Das kann dann so ausschauen, dass die Therapeuten nicht nur die zugrunde liegende Essstörung nicht erkennen, sondern dass sie mit ihren eigenen Bemühungen unbewusst (durch eigene Ignoranz) oder bewusst (Patientenbindung, Geldgier) den Patienten in der Krankheit fixieren. Es werden dann häufig Lebensmittelunverträglichkeitsteste durchgeführt. Das können schulmedizinisch nicht anerkannte energetische Testverfahren wie Kinesiologie, Bioresonanztestung oder Elektroakupunktur nach Voll sowie allergologisch umstrittene Teste wie die Untersuchung von IgG-Antikörpern im Blut sein.

Damit wir uns nicht falsch verstehen. Ich lehne diese Teste keineswegs grundsätzlich ab. Sie gehören aber kritisch hinterfragt und korrekt interpretiert. Beides ist bei Therapeuten, die von jeglichen Selbstzweifeln unbeleckt sind und oft charismatisch ihre Überzeugungen vertreten, selten anzutreffen.

Ich habe immer wieder Patienten getroffen, denen im Einzelfall mit einem energetischen Testverfahren der entscheidende Hinweis darauf gegeben wurde, welche Lebensmittel nicht vertragen wurden. Das Meiden dieser Lebensmittel führte dann auch zu einer tief greifenden und dauerhaften Besserung. Diese Teste gehören aber mit einem anderen Verfahren oder besser noch durch Auslass- und Provokationsteste überprüft.

Ich selbst wende häufig den IgG-Test (Blutuntersuchung auf Antikörper gegen bestimmte Lebensmittel) an. Dieser Test liefert mir ebenfalls wichtige Hinweise, die aber noch keine Beweise darstellen, da der Test häufig falsch positiv ist (Test zeigt Unverträglichkeit an, die aber nicht vorliegt). Mit gezielten Auslass- und Provokationstesten kann man aber beweisen, welche Lebensmittel wirklich nicht vertragen werden (siehe auch www.1-allergien.de/allergie/).

Ich habe aber auch häufig Patienten angetroffen, die durch solche Teste neurotisch darauf fixiert wurden, Lebensmittel wegzulassen, die sie ohne weiteres vertrugen. In der Hand des kritischen Therapeuten sind diese Teste wertvolle Instrumente, die dem Patienten enorm weiterhelfen können. In der Hand des Unkundigen hingegen können diese Teste den Patienten sogar gefährden. Und bei Patienten mit Essstörungen sollten sie überhaupt nicht angewendet werden, da sie im positiven Falle (der Test sagt, dass Lebensmittel könnte vielleicht nicht vertragen werden) immer dazu führen, dass das Lebensmittel zukünftig gemieden wird, was vielleicht gar nicht notwendig ist. Der Patient wird so in seiner Essstörung eher verstärkt.

Orthorexie - Andrea hatte Asthma, nun hat sie eine Essstörung

Steven Bratman beschreibt sehr eindrücklich die Kasuistik einer Asthmapatientin namens Andrea. Als sie in seine Praxis kam, hatte sie ein Bronchialasthma, welches mit Medikamenten gut eingestellt war, so dass sie keine Luftnot und keine wesentliche Einschränkung ihrer Lebensqualität aufwies. Er wies bei Andrea einige Nahrungsmittelunverträglichkeiten nach. Nachdem Sie Milch, Weizen, Soja und Mais weggelassen hatte, konnte sie ein Asthmamedikament absetzen. Dann identifizierte sie selbst weitere unverträgliche Lebensmittel, deren Weglassen zu einer so guten Besserung führte, dass sie alle ihre Medikamente absetzen konnte. Zum guten (?) Ende vertrug sie allerdings nur noch Lammfleisch und (etwas ungewöhnlich) weißen Zucker, was aber dauerhaft mit dem Leben nicht vereinbar gewesen wäre. Andrea stellte fest, dass sie bestimmte Gemüsesorten vertrug, wenn sie sie in einer komplizierten Rotationsdiät durchführte. Ihr ganzes Leben kreiste fortan nur noch darum, welches Lebensmittel sie als nächstes verzehren durfte, ohne Beschwerden zu entwickeln. Das Asthma war zwar „geheilt“, sie entwickelte aber Kopfschmerzen, Schwindel und Stimmungsschwankungen, die sie dann auf die Zufuhr eines „falschen“ Lebensmittels zurückführte. Steven Bratman fragte sich in erfreulich und selten anzutreffender selbstkritischer Weise, ob Andrea denn nicht besser dran gewesen wäre, wenn sie nie seine alternative Praxis aufgesucht, nie die Asthmamedikamente durch diese extreme Ernährung ersetzt und nie von ihrem Asthma geheilt worden wäre.

Orthorexie - Sinnvolle Risiko-Nutzen-Bewertung

Wie bei einem Medikament oder einer Operation müssen wir immer Risiko und Nutzen gegeneinander abwägen. Hätte Steven Bratman die Patientin mit seinen diätetischen Maßnahmen von einer sehr bedrohlichen Krankheit wie etwa Krebs geheilt, wäre das Vorgehen sicher gerechtfertigt gewesen. Bei einem leichten, medikamentös gut eingestellten Asthma wäre Andrea möglicherweise tatsächlich mit den „schädlichen“ Medikamenten besser dran gewesen.

Ich möchte den selbstkritischen, alternativen Arzt Bratman aber dennoch von „Schuld“ freisprechen. Eine „gesunde“ Reaktion von Andrea wäre ja gewesen, selbst zu erkennen, dass sie mit einer „schlechten“ Ernährung und den „schlechten“ Medikamenten eigentlich besser fährt und die „heilende“, aber mit einem vernünftigen sozialen Leben kaum zu vereinbarende Diät eigenmächtig absetzt. Ich bin fest davon überzeugt, dass ihre psychische Struktur diese extreme Diät „brauchte“. Hätte sie nicht Steven Bratman und seine Diät getroffen, dann wäre sie einem anderen Therapeuten mit irgendwelchen sehr rigiden Methoden „zum Opfer gefallen“.

Therapie der Orthorexie

Orthorexie ist kein Problem der Ernährung und daher auch nicht mit Ernährungstherapie zu behandeln. Orthorexie ist eine Essstörung, also eine psychische Erkrankung, die auch dementsprechend bei Therapeuten zu behandeln ist, die auf Essstörungen spezialisiert sind. Das große Problem ist aber, dass die Betroffenen keinen Leidensdruck haben – jedenfalls nicht in Bezug auf psychische Störungen, die vehement abgewehrt werden. Oft werden solche Patienten erst dann therapieeinsichtig und –fähig, wenn durch soziale Isolation, Verlust von Freunden und/oder Partner, vielleicht sogar des Arbeitsplatzes der Druck so groß geworden ist, dass sie den Holzweg der Suche nach den richtigen Lebensmitteln verlassen und die Königsstraße der richtigen, an die Ursachen gehenden Therapie beschreiten können.

Was kann jeder für sich tun?

Aber was ist denn nun die richtige Ernährung für mich persönlich? Die Nahrung sollte vollwertig sein, d.h. sie sollte alle Nährstoffe enthalten, die wir zum Leben benötigen. Sie sollte schon etwas konsequenter sein als die „ausgewogene Ernährung“, die von der DGE (Deutsche Gesellschaft für Ernährung) propagiert wird. Sie sollte darüber hinaus folgende Kriterien erfüllen:

S  Überwiegend, aber nicht zwingend vegetarisch (ein bis zweimal pro Woche Fleisch)
S  Täglich mehrere Portionen Obst und Gemüse
S  Ein- bis dreimal wöchentlich Fisch
S  Moderate Zufuhr von Genussmitteln (kein Nikotin, nicht jeden Tag koffeinhaltige Getränke,
    maximal ein alkoholischer Drink pro Tag, bei vielen Krankheiten eher weniger)
S  Hoher Ballaststoffanteil in Form von Gemüse und Vollkornprodukten (bei Verträglichkeit!)
S  Berücksichtigung nachgewiesener (und bewiesener!) Unverträglichkeiten und Allergien (z.B.
   
Laktoseintoleranz, Nahrungsmittelallergien, Zöliakie)
S  Ggf. zusätzliche diätetische Einschränkungen bei bestimmten Erkrankungen (z.B. bei erhöhtem
   
Cholesterin oder Rheuma).

Damit machen Sie schon Vieles richtig. Das Ganze sollte aber auch noch schmecken. Die gesündeste Ernährung kann auf Dauer nicht sinnvoll sein, wenn sie mir überhaupt nicht schmeckt oder ich sie nicht vertrage. Der Rohkostanteil sollte möglichst hoch sein, aber nur, wenn es auch vertragen wird – ansonsten ist weniger mehr. Die beste Diät für eine Krankheit ist zu hinterfragen, wenn die Diät schlimmer ist als die Krankheit. Und „Ernährungssünden“ sind hin und wieder erlaubt. Wobei ich den Begriff „Sünde“ in diesem Zusammenhang überhaupt nicht mag. Denn Ernährung kann Vieles sein: Lebenserhaltung, Mittel zur sozialen Kommunikation und vor allem auch Genuss. Sie sollte Eines aber nicht sein: eine Religion.

Mit dem Essen ist es wie mit dem Schlafen oder dem Sex. Je mehr wir darüber nachdenken und es zu verbessern versuchen, desto schlimmer wird es.

Wer beim Essen zuviel nachrechnet, kann sich auch verrechnen

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen viel Spaß bei einer gesunden, genussvollen und entspannten Ernährung

Mit den besten Wünschen für Ihre Gesundheit  

 © Dr. Volker Schmiedel
Chefarzt der Inneren Abteilung
FA für Physikalische und Rehabilitative Medizin
Naturheilverfahren, Homöopathie
Dozent für Biologische Medizin (Univ. Mailand).

Animationen animierte Augen

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Volker Schmiedel

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Aktualisiert: August 2010

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