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HABICHTSWALDKLINIK
Klinik für Ganzheitsmedizin und Naturheilkunde
Abteilung Innere Medizin und Naturheilkundliche Ambulanz
34131 Kassel - Bad Wilhelmshöhe
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Orthorexie ©
– neue
Modekrankheit oder ernsthafte Gesundheitsstörung? -
Orthorexie
- Kennen Sie einen Orthorektiker?
Die
Spezies mit Orthorexie ist im Vergleich zu den „allesfressenden Gourmands“ in
der verschwindenden Minderheit, es finden sich aber immer wieder Patienten mit
einer Orthorexie in der Inneren Abteilung der Habichtswaldklinik oder in meiner
Praxis ein. Ich bin dann nicht sehr glücklich, da diese bedauernswerten
Geschöpfe noch schwerer von der Fragwürdigkeit, ja sogar Schädlichkeit ihrer
Ernährungsweise zu überzeugen sind wie
übergewichtige
Diabetiker
mit
Herzinfarkt,
die gerne „ungesund“ essen, aber wenigstens ahnen, dass ihre Kost nicht ganz
optimal ist. Die Orthorektiker sind aber völlig darauf fixiert, dass gerade ihre
Ernährungsweise die einzig wahre und optimale für sie ist. Diese Patienten dann
davon überzeugen zu müssen, dass sie nicht trotz, sondern wegen ihrer meist sehr
einseitigen,
nährstoffarmen
oder konstitutionell für sie nicht passenden
Ernährung
krank sind und bleiben, ist mit das Schwierigste, was ich in der Medizin kenne.
Orthorexie - Richtige
Ernährung
ist wichtig, aber welche ist denn richtig?
Damit wir uns nicht falsch verstehen. Was wir essen, ist schon sehr bedeutsam
für unsere Gesundheit. Ernährungswissenschaftler und offizielle Institutionen in
Deutschland gehen übereinstimmend davon aus, dass mindestens 100 Milliarden €
unserer Krankheitskosten auf das Konto falscher
Ernährung
gehen. Unsere bundesdeutsche durchschnittliche Zivilisationskost ist – und da
sind sich ausnahmsweise einmal alle einig - zu kalorienreich, zu fett, zu süß
und zu salzig. Und das bei der Hausmannskost in gleichem Maße wie in den
Krankenhausmahlzeiten. Bei einigen Nährstoffen (z.B. Selen,
Folsäure
und
Vitamin D)
ist unbestritten, dass die Mehrheit der Deutschen weit von den optimalen
Zufuhrempfehlungen entfernt ist. Bei vielen anderen Nährstoffen weisen zumindest
Teile der Bevölkerung oder einzelne Menschen gravierende
Mangelzustände
auf – es wird in der Regel nur nicht daraufhin untersucht (oder wenn, dann meist
mit den falschen Untersuchungsmethoden).
Bei der
Ernährung
kann man Vieles falsch machen, wenn man nur nach seinen Vorlieben geht
Ich
selbst erlebe oft, dass Menschen allein mit einer moderaten Umstellung ihrer
Ernährung
ihr
Statin
(Fettsenker)
weglassen können und trotzdem gute
Cholesterinwerte
aufweisen. Vielen
Diabetikern
konnte ich mit Ernährungstipps, gezielten
Nahrungsergänzungen
und adäquater Bewegung dabei helfen, ihre
Medikamente
zu reduzieren oder sogar ganz wegzulassen – und das bei verbesserter
Blutzuckereinstellung. Wer einmal erlebt hat, wie Patienten mit entzündlichen
Erkrankungen wie
Morbus Crohn
oder
Rheuma
mit einer gezielten Diät, die entzündungsfördernde
Fettsäuren
meidet und entzündungslindernde in großer Menge enthält, wesentlich bessere
Blutwerte aufweisen und schubfrei werden, der wird am Wert richtiger
diätetischer Maßnahmen nicht mehr zweifeln.
Orthorexie - Wo Wirkungen, da auch Nebenwirkungen
Ich wage zu behaupten, dass
Ernährung
so potent wie ein Medikament wirken kann. Wir wissen aber auch, dass
Medikamente
mit
Nebenwirkungen
behaftet sein können. In der Medizin gilt die Faustregel, dass ein Medikament
umso stärkere
Nebenwirkungen
haben kann, je stärker es auch wirkt. Wenn wir uns die Folgen falscher
Ernährung
in Deutschland anschauen, dann können wir dem nur zustimmen. Jeder zweite
Deutsche stirbt an einer kardiovaskulären Erkrankung (Herzinfarkt,
Schlaganfall),
jeder dritte Deutsche erkrankt an
Krebs
(jeder Vierte stirbt daran) und mindestens 6 Millionen manifeste
Diabetiker
sprechen eine deutliche Sprache. Alle diese für den einzelnen fatalen und für
das Gesundheitssystem äußerst kostspieligen Krankheiten sind nicht nur, aber zum
großen Teil „Nebenwirkungen“
des nicht optimal eingesetzten „Medikamentes“
Ernährung.
Gesunde
Ernährung,
gesunder Mensch?
Aber wie schaut es denn nun mit den Menschen aus, die sich ganz bewusst einer
gesunden
Ernährung
verschrieben haben, um Krankheiten zu behandeln oder diesen vorzubeugen? Hieran
kann doch nichts falsch ein. Weit gefehlt.
Zunächst einmal ist sehr unklar, welche Kost denn nun für alle die gesündeste
ist, die optimal alle möglichen Krankheiten zu verhüten hilft. Vielleicht
brauchen einige Menschen auch eine Kost, die sich von der anderer Menschen
unterscheidet, was den optimalen Gesundheitsschutz oder die Verträglichkeit
angeht („Was der Schmied verträgt, zerreißt den Schneider.“). Auch unter
Ernährungsberatern, Ärzten und anderen „Experten“ gibt es keineswegs einen
Konsens darüber, welche Lebensmittel bei einigen Krankheiten sinnvoll sind und
welche nicht (auch wenn es schon bestimmte Mehrheitsmeinungen gibt). Auch
unterliegen solche mehrheitlich vertretenen Ansichten durchaus
wissenschaftlichen Moden und können sich immer wieder ändern. Erschreckend
wenige diätetische Empfehlungen sind mit einer
evidenzbasierten wissenschaftlichen Datenlage
wirklich eindeutig untermauert. Wilde Spekulationen und auf Plausibilität („es
müsste eigentlich so sein, weil es doch so logisch ist“) anstelle von Evidenz
(harter Beweis) beruhende Empfehlungen sind eher die Regel denn die Ausnahme.

Die menschliche
Ernährung
ist im Laufe der Evolution nicht unbedingt besser geworden
Und
so verwundert es nicht, dass gerade im Bereich der
Ernährung
jeder im wahrsten Sinne des Wortes sein eigenes Süppchen kocht. Was der
Ernährungsexperte X mit angeblich unerschütterlicher Beweislage empfiehlt,
widerspricht dabei nicht selten um 100 % dem, was der Diätpapst Y nach
erfolgreicher Heilung von Tausenden Kranken mit dem Brustton der Überzeugung
rät. Viele Einzelne, die sich aus Angst vor Krankheit oder als bereits von
dieser Betroffene auf die Suche nach „ihrer“ richtigen
Ernährung
begeben, werden dabei irgendwo fündig. Sei es, weil sie im Internet, in Büchern
oder bei einem Experten die Kostform gefunden haben, die sie intellektuell
überzeugt hat. Sei es, weil sie bei einer bestimmten Ernährungsumstellung
empirisch (vorübergehende, zufällige?) Verbesserungen ihrer allgemeinen
Befindlichkeit oder ihrer Krankheit am eigenen Leibe erlebt haben.
Und
so verwundert es kaum, dass es Veganer (völlig frei von jeglichen tierischen
Substanzen) gibt, die selbst bei Nachweis von
Mangelzuständen
nicht von ihrer Lebensweise abzubringen sind. Anhänger von Low Carb-Diäten
(wenig Kohlenhydrate) weisen demgegenüber oft einen sehr hohen Anteil tierischer
Produkte auf. Es gibt die Logi-Methode, die Instinktotherapie, die
Blutgruppenkost, kosheres Essen, die Hollywood-, die Mittelmeer-, die
asiatische, die Eskimo-Diät etc. etc., wobei sich die Anhänger der einzelnen (Glaubens)richtungen
nicht selten bis auf die Blutwurst bekämpfen. Die Auseinandersetzungen weisen
dabei oft einen Fanatismus auf, wie wir ihn sonst nur bei Anhängern extremer
religiöser oder politischer Gruppierungen finden.
Daher ist es auch nur „natürlich“, dass sich Menschen, die aufgrund ihrer
psychischen Struktur dazu neigen, sich rigiden Systemen zuzuwenden, von
bestimmten Ernährungsformen angesprochen fühlen – je radikaler und intoleranter
deren Empfehlungen dann sind, umso besser.
Was ist eigentlich Orthorexie?
Vor wenigen Jahren hat der amerikanische Arzt, Diätberater und Koch Steven
Bratman erstmals seine eigenen Beobachtungen und Erfahrungen in einem Artikel
(Original Essay on Orthorexia, Yoga Journal, Oktober 1997) publiziert und damit
diese neue Krankheit erstmals beschrieben.
Der
Begriff „Orthorexie“ geht dabei auf die griechischen Wörter orthós (der
Richtige) und órexi (Appetit) und ist angelehnt an die Krankheit „Anorexie“,
bei der die Betroffenen nichts oder zuwenig essen. Die
Anorexie
stellt eine quantitative, die Orthorexie eine qualitative Essstörung dar.
Allgemein wird heute unter Orthorexia nervosa also eine Essstörung verstanden,
bei der die Patienten ein ausgeprägtes Bestreben aufweisen, sich besonders
„gesund“ zu ernähren. Damit sind selbstverständlich nicht Menschen gemeint, die
aus gesundheitlichen Gründen weniger Fleisch, mehr Obst und Ballaststoffe essen
oder eine ärztlich verordnete Diabetes-Diät oder ähnliches einhalten.
Es
soll an dieser Stelle aber auch nicht verschwiegen werden, dass in der Medizin
die Existenz einer eigenständigen Krankheit Orthorexie durchaus bestritten wird.
Unbestritten ist aber, dass es Menschen gibt, die in Bezug auf ihre
Ernährung
auffällige, geradezu zwanghafte Züge aufweisen und einer Ernährungsphilosophie
mit einer äußerst starken ideologischen Komponente anhängen. Die Übergänge
zwischen „Lebensstil“ und „Krankheit“ sind dabei sicherlich fließend. Wenn aber
ein Großteil der zur Verfügung stehenden Zeit und Energie dafür aufgewendet
wird, sich „richtig“ zu ernähren, der gesamte Tagesablauf von der Suche nach den
„richtigen“ Nahrungsmitteln oder Informationen hierüber bestimmt wird und die
Fixierung soweit geht, dass es zu gravierenden Einschränkungen in den sozialen
Kontakten gibt, dann kann schon von einer gravierenden Essstörung mit eigenem
Krankheitswert ausgegangen werden.
Folgende Kriterien sollten an das Vorliegen einer Orthorexie denken lassen:
S
Die Essstörung dauert über einen längeren Zeitraum an (mind. 6 Monate).
S
Sie führt zu
bedeutenden negativen Auswirkungen auf die Lebensqualität des Betroffenen, z.B.
soziale Isolation.
S
Der Betroffene
kreist mit seinen Gedanken praktisch ständig um das Essen.
S
Es kommt zu
erheblichen Schuldgefühlen, falls vom Ernährungsplan einmal abgewichen wird.
S
Die Betroffenen
haben ein Gefühl der Überlegenheit, das Richtige zu tun, und sind von einem
Missionierungseifer erfüllt, um andere von ihrer
Ernährung
zu überzeugen.
S
Bei sehr
einseitigen Kostformen kann es zu
Mangelzuständen bestimmter Nährstoffe kommen,
die dann wiederum weitere Krankheiten zur Folge haben können
(dieser letzte Punkt stammt von
mir und stellt m. E. eine wichtige somatische Ergänzung der
offiziellen, psycho-sozialen Kriterien
dar).
Die
Ursache der Orthorexie ist nicht die „falsche“
Ernährung,
der der Orthorektiker anhängt, sondern eine Persönlichkeitsstörung mit oft
zwanghaften und neurotischen Zügen. Die Orthorexie stellt dabei einen frustranen
Selbstheilungsversuch dar, der den Patienten von der Beschäftigung mit tiefer
liegenden und eigentlich bedeutsamen Konflikten ablenkt.
Essen soll auch Spaß machen, was allerdings nicht immer gelingt
Orthorexie
- Vor die Therapie haben die Götter die Diagnostik gestellt
Leider
gibt es kein optimales Messverfahren, welches eine Orthorexie sicher zu
diagnostizieren vermag. Es wäre schön, wenn ein Laborwert existierte, der diese
Störung sicher anzeigte oder aber ausschlösse. Das ist aber nicht der Fall und
so sind wir auf die oben aufgeführten „weichen“ Kriterien angewiesen, um die
Diagnose einigermaßen sicher zu stellen.
Ein
wichtiger Knackpunkt ist für mich die Nährstoffanalytik. Finde ich hier bei
bestimmten
Vitaminen und
Mineralstoffen einen gravierenden
Mangel, so spricht dies ebenfalls für eine
qualitative Minderwertigkeit der angeblich so gesunden
Ernährung,
jedenfalls wenn Aufnahmestörungen im Darm ausgeschlossen werden können (das
heißt nicht, dass jeder mit einem
Nährstoffmangel eine Orthorexie aufweist).
Noch
wichtiger als die Laborwerte selbst sind aber die Reaktionen des Betroffenen
darauf. Kein Mensch ist zwar begeistert, wenn ich ihm verkünde, dass sein
Vitamin D-Spiegel im kaum messbaren Bereich
liegt, seine
Omega-3-Fettsäuren im Keller sind oder dass
sein Magnesium-, Kalium- und Zinkhaushalt völlig daniederliegt. Die Betroffenen
können aber diese Diagnosen und die daraus resultierenden therapeutischen
Konsequenzen meist annehmen. Nicht so hingegen beim Orthorektiker, der stark
abwehrend reagiert und auch jetzt noch keine Notwendigkeit sieht, seine
Essstörung kritisch zu hinterfragen. Ganz nach dem Motto: „Es kann nicht sein,
was nicht sein darf!“
Es ist
auch nicht möglich, den Erkrankten mit rationalen Argumenten zu überzeugen, da
die Störung sich nicht auf einer vernunftmäßig zu erfassenden Ebene abspielt.
Dem Anorektiker kann man ja auch nicht mit Vergleichsfotos mit anderen Menschen
oder mit früheren Aufnahmen oder mit dem Vergleich des Körpergewichtes mit
Normwerten „beweisen“, dass er untergewichtig ist.
Wenn
auch Laborwerte in der Diagnostik außer dem Mangelnachweis keine allzu große
Bedeutung haben, so kann man mit bestimmten Diagnoseverfahren eine ganze Menge
falsch machen. Ich beobachte immer wieder, dass gerade Orthorektiker Ärzte und
Heilpraktiker finden, bei denen sie große „Unterstützung“ erfahren. Das kann
dann so ausschauen, dass die Therapeuten nicht nur die zugrunde liegende
Essstörung nicht erkennen, sondern dass sie mit ihren eigenen Bemühungen
unbewusst (durch eigene Ignoranz) oder bewusst (Patientenbindung, Geldgier) den
Patienten in der Krankheit fixieren. Es werden dann häufig
Lebensmittelunverträglichkeitsteste durchgeführt. Das können schulmedizinisch
nicht anerkannte energetische Testverfahren wie Kinesiologie, Bioresonanztestung
oder Elektroakupunktur nach Voll sowie allergologisch umstrittene Teste wie die
Untersuchung von IgG-Antikörpern im Blut sein.
Damit
wir uns nicht falsch verstehen. Ich lehne diese Teste keineswegs grundsätzlich
ab. Sie gehören aber kritisch hinterfragt und korrekt interpretiert. Beides ist
bei Therapeuten, die von jeglichen Selbstzweifeln unbeleckt sind und oft
charismatisch ihre Überzeugungen vertreten, selten anzutreffen.
Ich
habe immer wieder Patienten getroffen, denen im Einzelfall mit einem
energetischen Testverfahren der entscheidende Hinweis darauf gegeben wurde,
welche Lebensmittel nicht vertragen wurden. Das Meiden dieser Lebensmittel
führte dann auch zu einer tief greifenden und dauerhaften Besserung. Diese Teste
gehören aber mit einem anderen Verfahren oder besser noch durch Auslass- und
Provokationsteste überprüft.
Ich
selbst wende häufig den IgG-Test (Blutuntersuchung auf Antikörper gegen
bestimmte Lebensmittel) an. Dieser Test liefert mir ebenfalls wichtige Hinweise,
die aber noch keine Beweise darstellen, da der Test häufig falsch positiv ist
(Test zeigt Unverträglichkeit an, die aber nicht vorliegt). Mit gezielten
Auslass- und Provokationstesten kann man aber beweisen, welche Lebensmittel
wirklich nicht vertragen werden (siehe auch
www.1-allergien.de/allergie/).
Ich
habe aber auch häufig Patienten angetroffen, die durch solche Teste neurotisch
darauf fixiert wurden, Lebensmittel wegzulassen, die sie ohne weiteres
vertrugen. In der Hand des kritischen Therapeuten sind diese Teste wertvolle
Instrumente, die dem Patienten enorm weiterhelfen können. In der Hand des
Unkundigen hingegen können diese Teste den Patienten sogar gefährden. Und bei
Patienten mit Essstörungen sollten sie überhaupt nicht angewendet werden, da sie
im positiven Falle (der Test sagt, dass Lebensmittel könnte vielleicht nicht
vertragen werden) immer dazu führen, dass das Lebensmittel zukünftig gemieden
wird, was vielleicht gar nicht notwendig ist. Der Patient wird so in seiner
Essstörung eher verstärkt.
Orthorexie
- Andrea hatte Asthma, nun hat sie eine Essstörung
Steven
Bratman beschreibt sehr eindrücklich die Kasuistik einer Asthmapatientin namens
Andrea. Als sie in seine Praxis kam, hatte sie ein Bronchialasthma, welches mit
Medikamenten gut eingestellt war, so dass sie keine Luftnot und keine
wesentliche Einschränkung ihrer Lebensqualität aufwies. Er wies bei Andrea
einige
Nahrungsmittelunverträglichkeiten nach. Nachdem
Sie Milch, Weizen, Soja und Mais weggelassen hatte, konnte sie ein
Asthmamedikament absetzen. Dann identifizierte sie selbst weitere unverträgliche
Lebensmittel, deren Weglassen zu einer so guten Besserung führte, dass sie alle
ihre
Medikamente
absetzen konnte. Zum guten (?) Ende vertrug sie allerdings nur noch Lammfleisch
und (etwas ungewöhnlich) weißen
Zucker,
was aber dauerhaft mit dem Leben nicht vereinbar gewesen wäre. Andrea stellte
fest, dass sie bestimmte Gemüsesorten vertrug, wenn sie sie in einer
komplizierten Rotationsdiät durchführte. Ihr ganzes Leben kreiste fortan nur
noch darum, welches Lebensmittel sie als nächstes verzehren durfte, ohne
Beschwerden zu entwickeln. Das Asthma war zwar „geheilt“, sie entwickelte aber
Kopfschmerzen, Schwindel und
Stimmungsschwankungen, die sie dann auf die Zufuhr eines „falschen“
Lebensmittels zurückführte. Steven Bratman fragte sich in erfreulich und selten
anzutreffender selbstkritischer Weise, ob Andrea denn nicht besser dran gewesen
wäre, wenn sie nie seine alternative Praxis aufgesucht, nie die
Asthmamedikamente durch diese extreme
Ernährung
ersetzt und nie von ihrem Asthma geheilt worden wäre.
Orthorexie
- Sinnvolle Risiko-Nutzen-Bewertung
Wie bei
einem Medikament oder einer Operation müssen wir immer Risiko und Nutzen
gegeneinander abwägen. Hätte Steven Bratman die Patientin mit seinen
diätetischen Maßnahmen von einer sehr bedrohlichen Krankheit wie etwa
Krebs
geheilt, wäre das Vorgehen sicher gerechtfertigt gewesen. Bei einem leichten,
medikamentös gut eingestellten Asthma wäre Andrea möglicherweise tatsächlich mit
den „schädlichen“ Medikamenten besser dran gewesen.
Ich
möchte den selbstkritischen, alternativen Arzt Bratman aber dennoch von „Schuld“
freisprechen. Eine „gesunde“ Reaktion von Andrea wäre ja gewesen, selbst zu
erkennen, dass sie mit einer „schlechten“
Ernährung
und den „schlechten“ Medikamenten eigentlich besser fährt und die „heilende“,
aber mit einem vernünftigen sozialen Leben kaum zu vereinbarende Diät
eigenmächtig absetzt. Ich bin fest davon überzeugt, dass ihre psychische
Struktur diese extreme Diät „brauchte“. Hätte sie nicht Steven Bratman und seine
Diät getroffen, dann wäre sie einem anderen Therapeuten mit irgendwelchen sehr
rigiden Methoden „zum Opfer gefallen“.
Therapie
der Orthorexie
Orthorexie ist kein Problem der
Ernährung
und daher auch nicht mit Ernährungstherapie zu behandeln. Orthorexie ist eine
Essstörung, also eine psychische Erkrankung, die auch dementsprechend bei
Therapeuten zu behandeln ist, die auf Essstörungen spezialisiert sind. Das große
Problem ist aber, dass die Betroffenen keinen Leidensdruck haben – jedenfalls
nicht in Bezug auf psychische Störungen, die vehement abgewehrt werden. Oft
werden solche Patienten erst dann therapieeinsichtig und –fähig, wenn durch
soziale Isolation, Verlust von Freunden und/oder Partner, vielleicht sogar des
Arbeitsplatzes der Druck so groß geworden ist, dass sie den Holzweg der Suche
nach den richtigen Lebensmitteln verlassen und die Königsstraße der richtigen,
an die Ursachen gehenden Therapie beschreiten können.
Was kann
jeder für sich tun?
Aber
was ist denn nun die richtige
Ernährung
für mich persönlich? Die Nahrung sollte vollwertig sein, d.h. sie sollte alle
Nährstoffe enthalten, die wir zum Leben benötigen. Sie sollte schon etwas
konsequenter sein als die „ausgewogene Ernährung“, die von der DGE (Deutsche
Gesellschaft für Ernährung) propagiert wird. Sie sollte darüber hinaus folgende
Kriterien erfüllen:
S
Überwiegend, aber nicht
zwingend vegetarisch (ein bis zweimal pro Woche Fleisch)
S
Täglich mehrere
Portionen Obst und Gemüse
S
Ein- bis dreimal
wöchentlich Fisch
S
Moderate Zufuhr von
Genussmitteln (kein Nikotin, nicht jeden Tag koffeinhaltige Getränke,
maximal ein alkoholischer Drink pro Tag, bei vielen
Krankheiten eher weniger)
S
Hoher Ballaststoffanteil
in Form von Gemüse und Vollkornprodukten (bei Verträglichkeit!)
S
Berücksichtigung
nachgewiesener (und bewiesener!) Unverträglichkeiten und
Allergien
(z.B.
Laktoseintoleranz,
Nahrungsmittelallergien,
Zöliakie)
S
Ggf. zusätzliche
diätetische Einschränkungen bei bestimmten Erkrankungen (z.B. bei erhöhtem
Cholesterin
oder
Rheuma).
Damit
machen Sie schon Vieles richtig. Das Ganze sollte aber auch noch schmecken. Die
gesündeste Ernährung kann auf Dauer nicht sinnvoll sein, wenn sie mir überhaupt
nicht schmeckt oder ich sie nicht vertrage. Der Rohkostanteil sollte möglichst
hoch sein, aber nur, wenn es auch vertragen wird – ansonsten ist weniger mehr.
Die beste Diät für eine Krankheit ist zu hinterfragen, wenn die Diät schlimmer
ist als die Krankheit. Und „Ernährungssünden“ sind hin und wieder erlaubt. Wobei
ich den Begriff „Sünde“ in diesem Zusammenhang überhaupt nicht mag. Denn
Ernährung kann Vieles sein: Lebenserhaltung, Mittel zur sozialen Kommunikation
und vor allem auch Genuss. Sie sollte Eines aber nicht sein: eine Religion.
|
Mit dem Essen ist
es wie mit dem Schlafen oder dem Sex. Je mehr wir darüber nachdenken
und es zu verbessern versuchen, desto schlimmer wird es. |

Wer beim Essen zuviel
nachrechnet, kann sich auch verrechnen
In
diesem Sinne wünsche ich Ihnen viel Spaß bei einer gesunden, genussvollen und
entspannten Ernährung
Mit den besten Wünschen für Ihre Gesundheit
©
Dr. Volker
Schmiedel
Chefarzt der Inneren
Abteilung
FA für Physikalische und Rehabilitative Medizin
Naturheilverfahren, Homöopathie
Dozent für Biologische Medizin (Univ. Mailand).

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Aktualisiert: August
2010
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