Probiotische Nahrungsmittel
Sinnvolle mikrobiologische Strategie oder teure Abzockerei? Probiotische Nahrungsmittel - Zusammenfassung Probiotische Sauermilcherzeugnisse werden mit zahlreichen Gesundheitsversprechen beworben. Diese Botschaften finden offensichtlich Gehör: Die Nachfrage nach entsprechenden Produkten steigt kontinuierlich. Tatsächlich konnten auch verschiedene gesundheitsfördernde Wirkungen belegt werden. Allerdings sind die vermutlich auch mit konventionellem Joghurt zu erreichen. All dies kann aber nicht die gezielte Beeinflussung der Darmökologie mit reinen mikrobiologischen Arzneimitteln bzw. Nahrungsergänzungsmitteln auf Basis von Stuhlflorauntersuchungen ersetzen. Unbeirrt von Wirtschaftskrisen und schwankenden Aktienkursen wächst ein Markt seit Jahren kontinuierlich - der Handel mit probiotischen Milchprodukten.
Immer mehr Verbraucher greifen im Kühlregal nicht mehr zum klassischen
Joghurt, sondern kaufen probiotische Produkte wie Actimel®,
Activia Doch sind diese vollmundigen Versprechungen wirklich einzuhalten? Oder stecken dahinter nur erfolgreiche Werbestrategien? Schließlich geht es um viel Geld. Im allgemeinen Gesundheits- und Wellnesstrend werden weltweit Milliarden Dollar mit probiotischen Milchprodukten umgesetzt. Und die Nachfrage steigt weiter. Danone, einer der Größten in dieser Wachstumsbranche macht mittlerweile ein Viertel seines Gesamtumsatzes mit probiotischen Produkten.
Um die Frage nach dem Sinn probiotischer Milchprodukte zu klären, zunächst ein Blick zurück. Der Begriff „Probiotikum“ (Mehrzahl: „Probiotika“) stammt vom griechischen „pro bios = für das Leben“. Als Probiotika werden Zubereitungen bezeichnet, „die (lebende) Mikroorganismen enthalten, welche - in ausreichender Zahl verabreicht - dem Wirtsorganismus einen gesundheitlichen Nutzen bringen“.
Der Einsatz von Mikroorganismen zur Gesunderhaltung ist nicht neu. Populär machte dieses Prinzip der Mikrobiologe Ilja Iljitsch Metschnikoff (1845-1916). Anfang des 20. Jahrhunderts beschrieb er die positive Wirkung von Joghurtkeimen auf die menschliche Gesundheit. Der Auslöser dafür war die Beobachtung, dass Bulgaren mit regelmäßigem Joghurtkonsum offensichtlich eine besonders hohe Lebenserwartung haben. In seinem Buch „The Prolongation of Life“ propagiert der Nobelpreisträger daher den vorbeugenden Verzehr von Laktobazillen zur Verlängerung des Lebens. Als Wirkprinzip vermutet er die Hemmung von Fäulnisbakterien im Darm.
Die Vorreiterrolle beim Probiotikaeinsatz übernahm jedoch die Veterinärmedizin. Dort wurde schon früh die vitale Bedeutung der Gastrointestinalflora für Wiederkäuer erkannt. Rinder, Schafe und Ziegen sind nur mit Hilfe der komplexen Pansenflora in der Lage, Gras, Heu und andere Faserstoffe zu nutzen. 70 % ihres gesamten Energiebedarfs beziehen die Wiederkäuer letztlich von den Mikroben ihres mehrhöhligen Magens. Die Beeinflussung dieser Flora macht daher eine Steigerung der Leistungsfähigkeit landwirtschaftlicher Nutztiere möglich. Dementsprechend existiert heute kaum ein Futtermittel, das nicht probiotische Zusätze enthält.
In der Humanmedizin ließ zunächst die Entdeckung der segensreichen Antibiotika den probiotischen Gedanken weitgehend in Vergessenheit geraten. Erst gegen Ende des zwanzigsten Jahrhunderts wurde dieses Prinzip wiederbelebt. Heute besteht der Probiotika-Markt in Deutschland aus drei Fraktionen: mikrobiologische Arzneimittel, probiotische Nahrungsergänzungsmittel sowie probiotische Lebensmittel (s. Tab. 1). Tab. 1: Angebot probiotischer Zubereitungen in Deutschland
Probiotische Lebensmittel Auch wenn sie sich äußerlich unterscheiden: Grundsätzlich gehen viele positive Effekte der verschiedenen probiotischen Formulierungen auf die gleichen Wirkmechanismen zurück. Allerdings dürfen probiotische Nahrungs(ergänzungs)mittel gemäß LFGB (Lebensmittel- und Futtermittel-Gesetzbuch) im Gegensatz zu Arzneimitteln nicht krankheitsbezogen beworben werden. Auch gesundheitsbezogene Angaben sind mittlerweile verboten – wenn sie nicht eindeutig belegbar sind. Das regelt seit 2007 die VO (EG) Nr. 1924/2006 vom 20. Dezember 2006 über nährwert- und gesundheitsbezogene Angaben über Lebensmittel (Health Claim-Verordnung). Bis dahin wurde bei der Bewerbung probiotischer Nahrungsmittel häufig nach dem Motto: „Alles ist erlaubt, was nicht verboten ist“ gehandelt. Seit 2007 gilt: „Alles ist verboten, was nicht explizit erlaubt ist.“ Damit soll der Verbraucher vor irreführenden „Heilsversprechen“ geschützt werden. Allgemeine Positivliste Will ein Hersteller sein Lebensmittel mit einer gesundheitsbezogenen Angabe (englisch „health claim“) bewerben, ist dafür die Genehmigung der European Food Safety Authority (EFSA, http://www.efsa.europa.eu/de) erforderlich. Dazu wird derzeit eine Positivliste erstellt, deren allgemeine Angaben dann für jedes Produkt genutzt werden können, das die entsprechenden Nährwertanforderungen erfüllt. In Deutschland ist das Bundesinstitut für Risikobewertung für die Prüfung verantwortlich. Eigentlich sollte eine Europäische Gemeinschaftsliste bis Ende Januar diesen Jahres vorliegen. Doch aufgrund der immensen Antragsflut ist die Fertigstellung bis dato nicht in Sicht.
Über diese allgemein anerkannten Angaben hinaus, kann der Hersteller eines Nahrungsmittels auch die Anerkennung individueller Health Claims beantragen. In diesen Fällen verlangt der Gesetzgeber allerdings, dass die behaupteten Wirkungen wissenschaftlich gesichert sind. Das gilt auch, wenn er mit Angaben zur Reduzierung eines Krankheitsrisikos bzw. zur Gesundheit und Entwicklung von Kindern werben will. Dann sind sowohl Laborversuche als auch kontrollierte Studien mit und an Menschen erforderlich, die diese Effekte für das jeweilige Produkt eindeutig belegen – eine Anforderung, die jeder Arzneimittelhersteller erfüllen muss, aber kaum ein Hersteller probiotischer Nahrungsmittel erfüllen kann.
Natürlich gelten fermentierte Lebensmittel von jeher als gesund. Ob Kefir, Joghurt oder Sauerkraut – zahlreiche bewährte Hausrezepte enthalten entsprechende Empfehlungen. Und tatsächlich bestätigen mittlerweile diverse Studien den Volksglauben. Dabei wurden nicht nur isolierte Keime oder Keimgemische verwendet. Auch fermentierte Milchprodukte haben nachweislich eine Reihe von positiven Wirkungen für den Menschen (s. Tab. 2). Tab. 2: Positive Wirkungen probiotischer Milchprodukte (nach DE VRESE und SCHREZENMEIR 2009)
Der Konsum von Sauermilchprodukten erhöht nachweislich die Laktobazillen- bzw. Bifidobakterienzahlen im Darm. Ohne den regelmäßigen Verzehr handelt es sich dabei allerdings um einen transienten Effekt. Außerdem resultiert eine unspezifische Aktivierung bzw. Harmonisierung des Immunsystems. Diese beiden Wirkprinzipien sind wohl auch primär verantwortlich für die positive Beeinflussung von Durchfallerkrankungen. Bei viralen, Antibiotika-assoziierten sowie bei Reise-Diarrhöen erwies sich Joghurt sowohl in der Prophylaxe als auch in der Beschwerdelinderung als wirksam. Dass sich die immunmodulatorische Wirkung nicht nur auf den Darm beschränkt, zeigt der erfolgreiche Einsatz von fermentierten Milchprodukten in der Prävention von Harn- und Atemwegsinfekten. Dank der in den Milchsäurebakterien enthaltene ß-Galactosidase konnte zudem die Verträglichkeit von Milchzucker bei Menschen mit Lactoseintoleranz verbessert werden.
Noch uneinheitlich sind die Daten zur Linderung von „ Eigentlich sollten diese vielfältigen Gesundheitseffekte fermentierter Milchprodukte die Hersteller probiotischer Lebensmittel uneingeschränkt erfreuen. Doch die vermeintlich aussichtsreiche Datenlage birgt ein Problem: Offensichtlich hat auch der klassische Joghurt ohne probiotische Beigaben entsprechende Effekte. In einer vergleichenden Studie an der Universität Wien zeigte beispielsweise ein probiotischer Joghurt keine signifkant besseren Wirkungen auf die zelluläre Immunität von Versuchspersonen als ein konventioneller Joghurt (MEYER et al. 2006). Vom konventionellen Joghurt ... Was macht den probiotischen Joghurt überhaupt so besonders? Grundsätzlich gilt: Kein Joghurt ohne Milchsäurebakterien. Der klassische, handelsübliche Joghurt natur muss beim Verkauf mindestens 107 Mikroorganismen/g enthalten. Diese rekrutieren sich überwiegend aus den eingesetzten Starterkulturen. Nach dem Identitätsstandard des Internationalen Milchwirtschaftsverbandes sind dies bei Joghurt Lactobacillus delbrueckii subsp. bulgaricus und Streptococcus thermophilus. Im Joghurt mild können neben Streptococcus thermophilus andere, nur mild säuernde Milchsäurebakterien enthalten sein. All diese Keime zählen üblicherweise nicht zur Standortflora des menschlichen Darmes. … zum probiotischen Milchprodukt Probiotische Sauermilcherzeugnisse enthalten dagegen überwiegend Bakterien, die der physiologischen Darmflora angehören, wie z. B. Lactobacillus acidophilus, Lactobacillus casei, Lactobacillus reuteri oder verschiedene Bifidobakterien. Die eigentliche Joghurtherstellung übernehmen aber auch hier meist die beiden oben genannten Starterkulturen des klassischen Joghurts. Die probiotischen Stämme werden meist erst später zugegeben. Die Herstellung der ebenfalls angebotenen probiotischen Spezialgetränke erfolgt aus gesäuerter Magermilch, die anschließend mit gezuckertem und aromatisiertem Wasser verdünnt wird.
Probiotische „Superkeime“? Ihre Herkunft soll den probiotischen Keimen einen Vorteil beim Überleben im Darm gegenüber den klassischen Joghurtkeimen verschaffen. Ob dies aber tatsächlich, wie propagiert eine bessere Wirkung im Darm zur Folge hat, muss nach den bisherigen Erkenntnissen zumindest bezweifelt werden. Auch konventionelle Joghurtkeime überstehen nachweislich die Darmpassage. Und selbst, wenn nicht: zumindest für die immunologischen Wirkungen ist die Lebensfähigkeit der eingesetzten Keime gar keine zwingende Voraussetzung. Eine dauerhafte Ansiedlung der oral zugeführten Laktobazillen und/oder Bifidobakterien ist bislang weder mit konventionellen noch mit probiotischen Sauermilcherzeugnissen gelungen. Letztlich sind daher nach derzeitigem Kenntnisstand mit probiotischen Joghurts keine Wirkungen zu erwarten, die über die herkömmlicher Joghurts hinausgehen.
Diese bislang fehlende eindeutige funktionelle Abgrenzung zum konventionellen Joghurt macht es den Herstellern schwer, die EFSA hinsichtlich individueller Health Claims zu überzeugen. Entsprechend vorsichtig sind die Antragssteller. Denn die Bewertungen der EFSA sind im Internet öffentlich einsehbar (s. http://ec.europa.eu/food/food/labellingnutrition/claims/community_register/health_claims_en.htm). Auch abgelehnte Anträge werden dort eingestellt. Das kann und will sich kein Nahrungsmittelhersteller leisten. Danone zog daher angeblich schon einen Antrag zurück, dass nur die in Actimel enthaltene Joghurtkultur bei täglichem Verzehr sowie im Rahmen einer ausgewogenen Ernährung und gesunder Lebensweise helfe, die natürlichen Abwehrkräfte zu stärken. Beworben werden entsprechende Effekte aber weiterhin. Einige Hersteller schmücken sich dabei sogar mit dem ÖKO TEST-Siegel „sehr gut“ (März 2009). Was sie aber verschweigen: Beurteilt wurden nicht die Wirksamkeit, sondern Geschmack, Reinheit und Konsistenz.
Dabei weisen probiotische Sauermilchprodukte sogar einige Nachteile
gegenüber ihren konventionellen Verwandten auf. Sie sind nicht nur
mehrfach teurer sondern enthalten teilweise mehr als doppelt so viel
Doch einige Probleme teilen sich probiotische und konventionelle Sauermilchprodukte. Milcheiweiß ist eines der häufigsten Allergene. Studien zur Allergieprävention oder zur Verbesserung allergischer Symptome wurden daher allenfalls mit Hydrolysaten oder Reinkulturen durchgeführt. Unabhängig davon ist auch der häufig zu beobachtende übermäßige Verzehr von Milchprodukten problematisch. Frei nach dem Motto „viel hilft viel“ werden da täglich große Mengen an Joghurt und Käse konsumiert. Schließlich ist zunehmend die irrige Vorstellung anzutreffen, ohne solche Produkte nicht auf eine ausreichende Anzahl von Laktobazillen bzw. Bifidobakterien im Darm kommen zu können. Das Gegenteil ist oft der Fall. Die starke Zufuhr von Milcheiweiß und -fett führt meist zu einer Vermehrung von Fäulniskeimen im Darm. Die aus deren Eiweiß- und Fäulnisstoffwechsel resultierenden Metabolite belasten nicht nur Darm und Leber sondern lassen auch den Dickdarm-pH steigen – und erschweren dadurch den säureliebenden Milchsäurebakterien das Leben im Darm. Joghurt selbstgemacht – garantiert frisch Wer trotzdem nicht auf seinen Joghurt verzichten will, dem sei die eigene Herstellung empfohlen. Dazu genügen ein Liter H-Milch oder aufgekochte pasteurisierte Milch sowie beispielsweise Joghurtferment aus dem Bioladen bzw. Reformhaus oder alternativ ein frischer Joghurt zur Beimpfung. Das Resultat nach 6-8-stündiger Bebrütung bei 40 °C ist nicht nur garantiert frisch sondern auch billiger – und es enthält eine hohe Zahl an lebensfähigen Keimen. Eine Tatsache, mit der nicht unbedingt jeder handelsübliche Joghurt, ob probiotisch oder konventionell, aufwarten kann. Denn häufig werden bei Transport und Lagerung nicht die erforderlichen Kühlbedingungen eingehalten. Das schwant auch so manchem Verbraucher, wenn er bei hochsommerlichen Temperaturen seinen Joghurt im Supermarkt aus dem offenen Kühlregal zieht …
Joghurt – in seiner natürlichen Form immer noch unerreicht Gezielte mikrobiologische Therapie Effektiver und letztlich oft auch billiger als der ungezielte Einsatz von Probiotika nach dem „Gießkannenprinzip“ ist allerdings die gezielte mikrobiologische Beeinflussung der Darmökologie auf Basis eines Stuhlflora-Befundes. Dazu stehen zahlreiche mikrobiologische Arzneimittel sowie probiotische Nahrungsergänzungsmittel zur Verfügung. Die enthalten oft nicht nur höhere Keimzahlen sondern sind zudem meist frei von möglichen Reizstoffen, wie Milcheiweiß. Außerdem sind bestimmte Keime, wie beispielsweise lebensfähige Escherichia coli nur als Arzneimittel verfügbar. Denn diese zählen nicht zu den traditionellen Lebensmittelkeimen. Eine neutrale Marktübersicht über die angebotenen mikrobiologischen Arzneimittel sowie probiotischen Nahrungsergänzungsmittel kann gerne kostenfrei bei den Verfassern angefordert werden.
Unabhängig von der Diskussion über das Für und Wider - einen ganz wesentlichen Effekt hat die Bewerbung probiotischer Sauermilcherzeugnisse auf jeden Fall erreicht: Sie hat viele Menschen für ihren Darm und die Darmflora sensibilisiert. Und das ist bei der zentralen Bedeutung der intestinalen Mikroökologie gar nicht hoch genug einzuschätzen. Vielen Dank für die Überlassung des Textes an meine Gastautoren Andreas Rüffer, Michaela Eckert, Diana Krause und Andreas Schwarzkopf!
Literaturauswahl: ADOLFSSON O;
MEYDANI SN; RUSSELL RM (2004):
Zur
Klärung weiterer medizinischer Fragen und Behandlungs- bzw.
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naturkundlichen Privatambulanz. Informationen über das Therapieangebot der Inneren Abteilung:
Die
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